Afghanistan
 

Es war eines der schönsten Länder der Welt

Von Kabul aus in Richtung Westen

 

 

 

 

Kandahar Airport, die Sandwüste und das Arghandabtal

Wie friedlich und absolut ungefährlich war es mal in Kandahar am Rande

der Wüste. Der Bus fährt Richtung Flughafen. Rechts hinten ist der „Elefantenberg" zu sehen, das heimliche Wahrzeichen der Stadt. Der Dunst kommt von den vielen offenen Feuern auf denen das Abendessen

zubereitet wird.

Ein Dorf am Rande der Straße zum

Flughafen zur pakistanischen

Grenze und weiter nach Quetta.

 

Die Kugelbauten aus Lehm haben

meterdicke Wände aber ganz kleine

Fensteröffnungen unverglast. In

diese Öffnungen wurde spitzer

Kameldorn aufgeschichtet. Ein

Schluck Wasser in den Mund

genommen und in den Kameldorn

reingesprüht, senkt die

Raumtemperatur um 20°C!

 

Das Wasser läuft an den

nadelfeinen Dornen als kleinste

Tröpfchen herunter - und verdunstet

in der Zugluft! Die effektivste

Klimaanlage, die man sich denken

kann. Der Sand vor den Häusern

hatte sage und schreibe 70°C!

Und im Schatten? Keine Ahnung:

es gab keinen.

 

 

 

 

 

Der Flughafen Kandahar muss in

den 60gern zusammen mit den

Straßen gebaut worden sein. Ein

hübscher kleiner Flughafen aus

edlen Materialen mit runden

Dächern, entworfen von einem

afghanischen Architekten.

 

Ursprünglich sollte hier eine Art

Luftkreuz für Maschinen von

Europa nach Fernost entstehen -

so hoffte man. Aber die Reichweite

der Flieger wurde immer größer

und sie flogen einfach vorbei.

 

Es gab kaum Flugbewegungen. Ein

paarmal in der Woche landete die

einzige Düsenmaschine der Ariana

Afghan Airline, eine Boeing 727,

auf dem Weg nach Europa. Sie

,kam zum Auftanken herein.

 

Startete dieser Spritfresser nämlich

in Kabul, konnte er nicht vollgetankt

werden. Er wäre sonst nicht über

die hohen Berge, die Kabul

umgeben, gekommen. Auch so

musste er noch im Talkessel der

Stadt einige Schleifen fliegen um

Höhe zu gewinnen.

 

Der Flughafen in Kabul wurde

deswegen nie von westlichen

Gesellschaften angeflogen. Nur die

PIA (Please Inform Allah oder

Pakistan International Airline) traute

sich das mit kleineren Maschinen.

 

Im Flughafen war es durch die

dicken Wände und die runden

Dächer mitten in der Wüste auch

ohne Klimaanlage angenehm kühl -

und immer leer.

Die mächtigen schattenspendenden

Fluggastbrücken aus Beton hatten

aber auch Nachteile. Die Bring 727-

100C war mal mit dem Flügel

dagegen gefahren und konnte nicht

weiter fliegen.

 

Man kannte ja einige Piloten. Sie

spielten im Deutschen Club in

Kabul Tennis. Was die so erzählten:

Einmal, so um 1955, ist eine DC 6

mitten in London nachts auf einer

Hauptstraße runtergebracht

worden. Der Pilot hatte die

Beleuchtung der Straße mit der

Landebahnbefeuerung eines

Flughafen verwechselt...

Auf das Flugfeld zu kommen

oder, wie weiter unten, auf den

Tower zu kommen - der war eh

nicht besetzt, man flog auf Sicht

- war kein Problem.

 

Eine chinesische Delegation

wurde hier vom aufgeregten

Gouverneur von Kandahar

empfangen.

Noch so ein Spritfresser: eine

Yak 40 der kleinen Bakthar

Afghan Airline. Diese russische

Maschine war wegen der

schlechten Flugleistungen trotz

hohem Verbrauch im Westen

nicht zu verkaufen. Verdammt

laut war das Ding innen...

Nebenstellenanlage im Kandahar Airport

Damals, in den Zeiten der Technischen Entwicklungshilfe, ließ auch Belgien sich nicht lumpen und so kam der

Airport zu diesem Dragonergeschenk, einer nicht verkleideten, relaisgesteuerten Nebenstellenanlage

mittelalterlicher Technik - denkbar ungeeignet für einen störungsfreien Betrieb am Rand der Wüste.

 

Elektromotoren hinter den monströsen Gestellreihen trieben Stangen an, die über Kegelzahnräder die Drehung in

die Gestelle mit den Schaltarmen brachten. Im Bild ganz rechts sind die Eisenstangen zu erkennen. Dort klinkten

Elektromagnete mit der Kraft von 2 kg blecherne Zahnradplatten aus und in die Zahnräder der Stangen ein und die

6 Schaltarme fuhren gemächlich zu den gewünschten Positionen und schalteten die Verbindung durch...

 

Nun sind und waren in solchen Ländern Worte wie Wartung und Pflege vollkommen unbekannt. Wahrscheinlich

durch Kontaktfehler schaltete einer der Elektromotoren nicht mehr ab und lief weiter, wenn auch gar kein Verkehr

auf dem Monstrum war - nächtelang, wochenlang, monatelang. Nach dem dritten Sandsturm wollte der Motor nicht

mehr. Er brannte ab.

 

Das Feuer zerstörte Teile der Verdrahtung. Das Ding stand, ein Unding also. Zwar gab es keinen Passagierverkehr,

aber welcher Afghane hatte damals schon mal telefoniert und so war der Stillstand von politischer, zumindest von

lokalpolitischer Bedeutung. Pech, wenn man da in der Nähe ist...

Der Tabeldar

Der Beruf des Tabeldars kam dem Traumberuf vieler Afghanen - im eigenen Dukan in der Mitte seiner Waren zu

sitzen, Tee zu trinken und zu handeln, feilschen um die Preise - schon sehr nahe. Zum Lagerverwalter mussten ja

auch alle kommen wenn sie aus seinem Reich etwas benötigten. Es war schwierig, je etwas aus den Lagern

wieder heraus zu bekommen. Ohne Bakschisch ging es schon gar nicht.

 

Die Voraussetzungen für diesen Beruf waren schwierig. Man musste am Besten der Onkel-Onkel-Sohn von

jemand großem sein, musste mit seinem Vermögen für den Lagerinhalt haften. Da nun in den meisten Fällen kein

Vermögen vorhanden war, konnte man auch einen Teil des kläglichen Verdienstes weiter reichen. Klar, dass das

durch Bakschisch wieder ausgeglichen werden musste, um überleben zu können.

 

Desweiteren musste der Anwärter lesen und snchreiben können. Und ein Lineal besitzen. Damit ließen sich die

dreiteiligen Formularblöcke auf den Millimeter genau trefflich abreißen.

 

Wurden nun Ersatzteile im Lager angeliefert, kam man so schnell nicht wieder an sie heran. Zumal für diesen Fall

auch keine schwarze Kasse vorgesehen war. Es sei denn, man griff zu kleinen Listen. Brachte man dem vorne

Tee und viel Sü.es mit, konnte die Counterparts hinten die benötigten Dinge oft unbemerkt herausholen.

 

Anders hier am Airport. Der Ersatzmotor war schnell da. Keine 12 Unterschriften und die Jungs hatten ihn schnell

und geschickt eingebaut. Schwieriger war es mit den Schaltunterlagen. Unabdingbar, um die verschmorte

Verkabelung ersetzen zu können. Nach einem halben Tag bei 45°C kam er mit einigen Ordnern angeschlurft. Das

 

Benötigte war nicht dabei.

 

Ziemlich kleinlaut murmelte er auf Farzi: "Das Papier hat noch nie einer gebraucht", und beim nachbohren: "

Weißt du, Sahib, vor Jahren war es morgens so kalt im Winter und der Strom war auch ausgefallen. Wir hatten

doch nichts zum Tee kochen...".

 

Al ham dulillah!

 

Nach einer Woche lief das Ding wieder mit Ach und Krach. Die Belgier hatte eh seltsame Pläne. Gab es bei

vergleichbaren deutschen Telefonanlagen extra Pläne für Verdrahtung und Schaltung, hatten die alles in

Originalgröße in riesigen Bögen zusammengezeichnet. Jedes Bauteil saß da 1:1 an seinem Platz, jeder Draht

einzeln eingezeichnet, unmöglich den Zusammenhang der Schaltung zu erkennen. Da waren ja Omas

Schnittmusterbögen für 7 Kleider in 12 Größen eine richtige Erholung.

Feierabend. Auf der Fahrt vom

Flughafen zurück ins verlauste

Manzelbach-"Hotel" in

Kandahar, einem ehemaligen

Straßenbaucamp der

Amerikaner.

Nachts in der Wüste

Hier im Südwesten von Kandahar beginnt die Sandwüste. Die Dascht-e-Luz, die Wüste des Lichtes, erstreckt sich

Richtung Westen bis nach Iran.

 

Eines Tages beschlossen wir, eine Nacht in der Wüste zu erleben. Drei Mann und der afghanische Fahrer im VWBus.

30 km südlich von Flughafen Kandahar reichen die Sanddünen bis an die Straße, die nach Quetta führt.

 

Wir ließen nach einigen Metern den Wagen am Rande einer großen Düne halten - und der Fahrer weigerte sich,

auszusteigen. Warum denn nicht? Na, hier gebe es doch Geister und unheimliche Ungeheuer.

 

Er schloss sich im Bus ein und wir schleppten die Eisbox mit Bier (die Gefahr des Verdurstens soll ja in der Wüste

sehr hoch sein), Schlafsäcke, Gewehre und Whiskey an den langen Strand. Sind ja Luftline nur 700 km (Google

Earth sei dank) bis zum Meer, der Arabischen See.

 

Hier auf dem 30. Breitengrad bricht die Dunkelheit schnell herein. Da hupte es wild. Wir rannten die Sanddüne herunter und fanden den zitternden Fahrer im verschlossenen Bus. Er wies entsetzt auf ziemlich große Tiere in 5 m Entfernung: Stachelschweine.

Natürlich kannte keiner von uns

das Wort in Farzi. Allein das Wort

-schwein vergrößerte seine

Abscheu ins unermessliche.

 

Nie vorher und nie mehr danach

sahen wir in unserem Leben

einen solchen Sternenhimmel,

oder, besser, ein solches

Himmelsgewölbe.

 

Da es keine Umweltverschmutzung durch Licht gab und keinerlei

Luftfeuchtigkeit, waren die Sterne

in der mondlosen Nacht direkt

von Horizont zu Horizont zu sehen. Diese so nie gesehene Pracht der Sterne ließ uns sprachlos werden.

 

Genau wie am nächsten Morgen.

Auf dem Schlafsack saß der

größte je gesehene Skorpion mit

hoch erhobenem Schwanz und

drohendem Stachel. Um alle

Schlafsäcke herum waren

Tierspuren zu sehen, viele

gewundene von Schlangen.

 

Schlangen gab es viele im Land

und alle waren tödlich. Der

Arbeitgeber versorgte uns

halbjährlich mit Serum. Es lag

manchmal im Wagen, ungekühlt...

 

Die Wüste lebt wirklich - wer hätte

das gedacht.

 

Und hart ist sie. Der Sand ist so

fein und gibt nicht nach, drückte

verdammt durch den dicken

Schlafsack.

 

Und kalt ist sie. Die aufgehende

Sonne traf uns wie mit einer

heißen Keule.

 

Auch der Fahrer hat die Nacht gut

überlebt, war allerdings sichtbar

gealtert...

Sind die Spuren von Schakalen?

Das Argandabtal nördlich von Kandahar

Man kann monatelang in Kandahar leben und arbeiten, ohne dass einem der Fluss Arghandab überhaupt auffällt.

Dabei hat er seit mehr als 2000 Jahren das Leben hier in der Steinwüste am Rande der Sandwüste erst ermöglicht.

 

Die größte Wassermenge des schmutzigbraunen Wasser sfließt ab dem Staudamm fast ausschließlich in Kanälen.

Der Fluss entspringt nordwestlich von Ghazni in der Provinz Hazarajat und fließt 20 km südlich von Girischk bei

Qala Bost in den Helmend - wenn er dann noch Wasser führt. Er ist ungefähr 400 km lang.

 

40 km nordöstlich von Kandahar wird der Fluss aufgestaut. Turbinen erzeugen Strom. Die Staumauer hält das

Schmelzwasser des Hindukuschs im Frühjahr zurück. Das untere Bild zeigt einen Überlauf des Stausees im Winter.

Der See ist nach dem langen und heißen Sommer fast leer.

 

Parallel zum Arghandab fließt der Tarmak River. Er ist mit 350 km kürzer und führt weniger Wasser. Der Fluß

versorgt Ghazni, Zabul und auch Kandahar mit dem kostbaren Nass. Hätten Afghanen nicht auf den Fluss

hingewiesen, wäre er als solcher nicht erkannt worden. Auf Landkarten ist er meist nicht eingezeichnet. Gute

Landkarten gab es eh nicht, aber auch auf Google Earth ist er nicht zu finden.

Überlandbus...

Glück gehabt. Er schaut gerade

weg...

 

Im Hintergrund ein Kanal mit

dem Wasser des Arghandab aus

dem gleichnamigen Stausee. Es

wird zu den fruchtbaren Feldern

weiter unten in den Ebenen

geführt.

...sofort bereit, um mit dem Ungläubigen "roll-ma-roll" zu machen.

Rast an einem Überlauf des

Arghandabstausees im Dezember.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der anderen Seite des

"Elefantenberges" liegt die

Hauptstraße Kabul-Herat. Da ist es

staubtrocken in der Steinwüste und

man ahnt nicht, dass es dahinter

Wasser und damit Leben gibt.

 

Wenn es einmal stark im hunderte

Kilometer entfernten Hindukusch

regnen sollte, oder die

Schneeschmelze ganz plötzlich

einsetzt, kann man hier u. U. eine

tödliche Überraschung erleben.

Es ist ein Wadi. Blitzschnell kann

dieses flache Tal dann unter Wasser

stehen und alles mit uriger Gewalt

hinwegspülen.

 

Wadis können mehrere Kilometer

breit sein. Sie sind schwer zu

erkennen. Es kann viele Jahre

dauern, bis mal wieder Wasser

kommt. Bis dahin sind oft die

Fließspuren durch Sandstürme für

ungeübte Augen verwischt und

nicht mehr zu erkennen.

 

So paradox es klingt: Es sind schon

viele in der Wüste ertrunken.

Ist das nicht eine schöne Landschaft?

 

Auf dieser Stecke war der VW-Bus

oder der olle Käfer das richtige

Auto. Die nächste "Tank-e-Tel" war

mindestens 200 km weit weg und

verkaufte Sprit mit 68 Oktan.

 

 

 

Ob hier der Porsche Cayenne, der Tuareg von VW, der große BMW

oder der Audi Q8 die richtigen

Mühlen wären? Auf solchen

Straßen bricht jeder Draht mal ab,

fliegt schon mal die

Windschutzscheibe raus. Und

dann? Ab nach Stuttart, Ingolstadt,

Wolfsburg wenn die Elektronik

streikt? Alles SVUs. Na, der G vom

Stern würde gehen oder ein guter

Japaner.

Solche Begegnungen wird es

heutzutage nicht mehr geben.

Azzis, der Cheftechnicke, der da

oben am Überlauf sitzt, freute sich.

Er sagte, wenn die Kutschis

kommen, kommen die Rutschis und

mit ihnen der Frühling. Normaden

und Schwalben - oder umgekehrt...

Westlich von Kandahar: Ein Dorf in 6 Stockwerken

Auf einem der Wochenendausflüge mit den afghanischen Counterparts - die armen Kerle schliefen immer ja 3

Wochen lang auf dem Fußboden in der Vermittlungsstelle - zeigen sie mir diese sechsstöckige Lehmburg.

3 Stockwerke über und 3 unter der Erde. An der tiefsten Stelle war immer noch Wasser in der Zisterne, kühl und

frisch.

 

Die umliegenden Berghänge waren säuberlich von Sand und Geröll gereinigt und versorgten die mehr als 500

Bewohner mit dem kostbaren Nass bei seltenen Niederschlägen.

 

Jeweils eine Sippe, ein Stamm bewohnten so eine Burg. Ziegen, Kamele, Maultiere, Pferde kamen mit in das

leicht zu verteidigende Domizil. In den heißen Sommern war es durch die dicken Lehmmauern angenehm kühl, im

Winter nicht kalt.

Mitte Januar und der Frühling ist

zu Ende. Das Land vertrocknet,

Niederschläge gibt es nicht mehr,

bald ist auch das letzte Grün

verschwunden.

Soldaten sind überall auf der

Welt arme Schweine, besonders

aber diese Hungerleider hier um

1970 herum in Afghanistan.

 

Sie haben dicke Mäntel an und

sehen doch aus wie der

sprichwörtliche Strich in der

Landschaft.