Bangladesh
 
Ein unwahrscheinliches Land

Mit dem Raddampfer von Khulna nach Dhaka

Organisation

Alles im Lande mutet erst einmal chaotisch an. Wenn man es nur richtig anstellt, sich der richtigen Leute bedient,

an der richtigen Stelle ein kleines Bakshish gibt, lässt sich alles organisieren.

 

Nach drei harten Wochen im Westen des Landes sollte die Rückfahrt nach Dhaka etwas Besonderes sein. An den

Wochenenden war gearbeitet worden und es war egal, wie lange die Reise auf dem alten Raddampfer dauern

würde.

 

Der Hinweg war mit dem Flugzeug aus Zeitgründen erfolgt, der Wagen mit Kashim vorausgeschickt. Kashim holte

uns vom Flughafen ab, besorgte die Schiffstickets, brachte uns jetzt zum Boot. Dann hatte er schwer zu tun. 36

Stunden später sollte er uns in Dhaka im Hafen wieder abholen.

 

Die Bangladesh Inland Water Transport Coorperation befuhr die Strecke mit ihrem Dhaka-Khulna Rocket Service

2 oder 3 mal die Woche mit uralten Paddle Steamboats und hat zwei der Raddampfer im Einsatz. Eines davon

sollte uns die 354 Flusskilometer mitnehmen. Heute, 2008, fährt sie immer noch 6 mal die Woche, leider nur noch

nachts. Wollen Sie buchen? Nehmen Sie die 1. Klasse. Da sind die Cucarachas größer!

http://www.mos.gov.bd/biwtc.htm

 

Vorher musste Kashim aber noch die Eisbox mit dem braunen Stangeneis füllen. Das Wasser kam wohl direkt aus

dem Ganges. Die eiserne Reserve von 2 Kisten Forsters sollte schließlich mit Anstand getrunken werden...

Abfahrt

Abfahrt im Morgengrauen. Khulna-Dhaka in 36 Stunden auf

dem Raddampfer. Auf dem Fluss treibt die Pest der Tropen,

Inseln aus Wasserhyazinthen, losgerissen von der Flut oder

von irgendwelchen Schiffsschrauben.

 

Leider konnte kein Bild von dem Dampfer gemacht werden.

Beim an Bord gehen war es noch dunkel und wenn man sich

die Anlegestelle in Khulna ansieht, war es auch nicht so

unbedingt ratsam, das Schiff für ein Foto zu verlassen.

Die Karte zeigt zumindest die vielen Flüsse und ihre

unterschiedlichen Namen in Bangladesh. Eigenartig, dass im

Netz der Netze eher der letzte Hollywoodschinken als eine

lesbare Landkarte zu finden ist.

 

Die hier ist auf dem uralten Dampfer analog abfotografiert

und das Glas davor spiegelt leider den Blitz. Die roten

Punkte stellen die Zu- und Ausstiegsmöglichkeiten dar.

 

Die Eisenbahnbrücke nordwestlich von Khulna über den

Ganges (Hardings Bridge) ist zu erkennen und nördlich

davon der Eisenbahnknoten Paxy. Es ist die einzige große

Brücke im Land.

So musste noch lange auf die

Abfahrt gewartet werden und so

manches Schiff zog vorbei.

Fährt man im größten Delta der

Erde umher, weiß man nie wann es

los geht, wann man ankommt.

Frühes Erscheinen ist ratsam, denn

in Bangladesh gibt es außer vielen

Menschen auch Naturgewalten.

Es blieb Zeit, die Hafenanlagen von

Khulna zu bewundern.

Kurzstreckenverkehr

Oh ha!

Anleger

Irgendwann legte das Schiff doch

ab. Die Sonne kam nicht so richtig

raus an diesem Morgen - um 10:00

Uhr war es plötzlich wieder dunkel.

 

Der erste Stopp stand an, der

Himmel so schwarz wie nirgends

auf der Welt jemals gesehen.

 

Was langweilig auf dem Oberdeck

der 1. Klasse begann, wurde

spannend und aufregend. Waren

das da am Ufer wirklich alles

potenzielle Fahrgäste? Konnte sich

da jemand die teure 1. Klasse

leisten und die himmlische Ruhe

hier stören?

 

Was die Reise kostete, ist

vergessen. Samt Vollverpflegung

und Zweierkabine auf dem

hermetisch abgeriegelten oberen

Vorderdeck - nicht der Rede wert.

Allerdings nur für Europäer.

 

Vier Kabinen gab es. Backbord und

Steuerbord je 2 mit 2 und 2 mit 4

Betten. Das Essen war gut. Mal gab

es Reis mit Huhn, mal Huhn mit

Reis.

 

Jetzt wurde es aber erst einmal

spannend. Die letzten Passagiere

hangelten sich eilig über die

Bambusbrücke auf den Ponton. Das

Unwetter drohte, das Schiff fährt

gnadenlos weiter.

 

Der Bau einer festen Brücke lohnt

nicht. Man sehe sich den Himmel an

und kann einigermaßen die Gewalt

der Unwetter abschätzen. Die

Flüsse sind natürlich

tiedenabhängig und reißen schon

mal schnell alles weg.

 

Nicht alle fuhren mit, aber das

Unterdeck, zu dem es keine

Verbindung gab, war voll. Beugte

man sich über die Reling in der 1.

Klasse, konnte man kurz

hineinschauen, aber nur kurz: Es

streckten sich sofort bettelnde

Hände entgegen.

Wetter

Der Kapitän meinte zum Wetter:

"Don't worry, thats nothing".

So war es auch. Man erlebt auch

gar nix...

 

Es zuckten zwar ziemlich nahe

Blitze über den Himmel, oft viele auf

einmal.

 

Eine Stunde später aber schien

wieder die Sonne.

 

Was von allen Auslandsaufenthalten für immer in Erinnerung bleibt sind die außergewöhnlichen Wetterphänomene.

 

Das Gewitter am Ostpazifik und die riesigen Wellen bei Vollmond und Sturm dort, die Hitze am Chat-el-Arab, oder die 48°C in New Delhi, das Wüstenklima und die 50° minus in Afghanistan, der Hurican in Nicaragua, ein kleiner Cyclon hier - das vergißt man nie.

Der Fluss, aber - verdammt - welcher?

Passagiere

Hier eines der Rockets. Der weiß

gestrichene kleine Teil auf dem

vorderen Oberdeck ist die 1. Klasse.

Steuerbord und Backbord je eine

kleine Kabine mit 2 Liegen, eine

Toilette, ein Speiseraum in der Mitte

und das Deck waren alles.

Der alte Steamer von ungefähr

1880, gebaut in Japan, stampfte mit

akzeptablem Tempo über die breiten

Flussläufe des Deltas. Die Planken

waren ja schon ein bisschen

wurmstichig und die 1.-Klasse-

Kabine stank erbärmlich trotz immer

offener Tür. Die Laken waren frisch

gewaschen. Sie hatten aber alle

Farben zwischen weiß und

dunkelbraun. Hoffentlich reicht das

Bier und der Whisky bis tief in die

Nacht...

 

Der Luxus einer Toilette für alle in

der Luxusklasse - man brauchte nur

einen Stein vor die Tür rollen und

schon war sie zu - ist in Südostasien

nicht zu unterschätzen.

 

Irgendwo stieg eine reichere Familie

mit drei Töchtern hier oben dazu.

Der Vater war erst sehr skeptisch,

dass zwei Ausländer mit seinen

jungen Mädchen sprachen. Sie

konnten erstaunlich gutes

Takkaenglisch und es wurde

unbeschwert gelacht.

 

Als sie mitten in der Nacht in

vollkommener Dunkelheit Mitten im

Fluss auf ein Ruderboot umstiegen,

waren alle traurig.

 

Verblüffend die Leistung der

Besatzung. Woher wussten sie, wo

sie waren?

Für ein paar Paisa bot der Schuster

unaufdringlich und sympathisch

seine Dienste an Bord an. Er war

taubstumm.

 

Bestimmt musste er den aller

größten Teil seines Verdienstes

dafür abgeben, hier arbeiten zu

dürfen, eine Ecke zum schlafen zu

haben, etwas vom Essen

abzubekommen. Materialien musste

er auch kaufen.

 

Seine Kunden waren ja alle

bettelarm und mehr als einige der

viereckigen, blechernen Paisas

Je näher Dhaka kam, desto voller

wurde das Boot, je mehr Leute

standen an den Anlegern. In der 3.

waren da nicht drin. Selbst wenn er

mehrere hundert Jahre arbeiten

würde...

 

Die riesige Sandale gehört dem

großen Arbeitskollegen und da die

anderen Schuhe nicht vom lokalen

Markt stammten, bekam er sein

Geld so.

Noch ein par Anleger

Klasse an Unterdeck gab es keinen

Platz mehr zum hinlegen.

Auch in der 1. Klasse wurde es

voller. Seltsame Leute lernte man

kennen. Ein Englishman stieg zu,

jung, ziemlich heruntergekommen

wie es eben unweigerlich ist, wenn

man hier im Delta lebt.

 

Missionar sei er, wahrscheinlich ein

selbst ernannter. Er gab keine

Ruhe, bis er ein kaltes Bier aus der

Eiskiste bekam und meinte, es wäre

wie die Kricketweltmeisterschaft für

Merry Old England und Queen

Mums Geburtstag zusammen.

 

Sofort bot er von seinen Vorräten

an. In einer Feldflasche hatte er

kochendheißen Cognac! Selbst

gebrannt natürlich, nur heiß zu

genießen, wobei das Wort genießen

hier nur im Sinne von "we shall over

come" gemeint ist. Kalt getrunken

braucht man keine Brille mehr, nicht

einmal eine dunkle.

 

Es sah so aus, als hätte sich

Neptun im braunen Fluss kräftig

geschüttelt als er den Rest aus dem

Glas abbekam...

Hier vom Oberdeck aus ließen sich

fantastische Fotos machen, oft nicht

leicht in Bangladesh. Religiöse

Gründe und die sofort

hervorschnellende Hand der Frauen

zum Betteln - es musste ein

angeborener Reflex sein - und nicht

zuletzt das eigene schlechte

Gewissen lassen schon zögern, auf

den Auslöser zu drücken.

Zeit für das Abendgebet. Mit der

Himmelsrichtung gab es keine

Probleme. Mekka liegt in Richtung

des Sonnenunterganges.

Mitternacht, Vollmond. Der Fluss

voller Fischer, der Dampfer bahnt

sich seinen Weg. Das Bild ist

unscharf. Der Diafilm mit 100ASA

schaffte halt nicht mehr, aber die

Stimmung nachts auf dem Fluss bei

lauer Luft ist eingefangen...

Kashim hat es geschafft. Strahlend im sauberen blauen Anzug steht er am Kai in Dhaka und hat sogar einen

Parkplatz bekommen. Ein selten zuverlässiger und angenehmer Mensch, so wie viele Bangladeshis, die

wenigstens ein kleines Auskommen haben und nicht ganz im Elend versinken.