BERLIN - MITTE

Berlin

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Alles Mitte, oder was?

Vom Schloss Bellevue zum Hackeschen Markt

Nördlich des Straßenzuges 17. Juni/ Unter den Linden

Die Oranienburger Strasse: Aufnahmen vom 30. Dezember 2006, 14:00 Uhr

Blick nach Westen zur Friedrichstraße

Blick nach Osten Richtung Hackescher Markt.

Die Oranienburger Straße im Wandel der Zeiten

Historisches

13. Jahrhundert >> Der Straßenzug der Oranienburger Straße existierte schon im 13. Jahrhundert als Spandauer Heerweg.

1694 >> Der Spandauer Heerweg wird gepflastert

1699 >> Ab 1699 gab es offiziell Straßennamen in Berlin.

1705 >> Palisadenzaun in der Linienstraße und erstes Oranienburger Tor werden errichtet.

1737 >> Im Stadtplan von Berlin aus dem Jahr 1737 (in der Karte ist Süden am oberen Blattrand!) ist die Oranienburger Strasse schon verzeichnet. Der Begriff hatte sich eingebürgert, obwohl die offizielle Benennung erst am 26. Juni 1824 erfolgte.

1740 >> Der Spandauer Heerweg wird erneuet gepflastert.

1740 >> Als Friedrich der Große ("Der Alte Fritz") 1740 die Regierung übernahm, hatte Berlin 98.000 Einwohner.

1788 >> Das Oranienburger Tor wird als römischer Triumphbogen verlegt und neu errichtet.

1824 >> Die Oranienburger Straße wird am 26. Juni 1824 offiziell so benannt. Berlin hat jetzt ca. 230.000 Einwohner.

1861 >> Häuser in der Krausnickstraße werden gebaut.

1864 >> Straßenbahneschienen werden in der Oranienburger Straße verlegt.

1867 >> Das Oranienburger Tor wird als Verkehrshindernis zusammen mit der Palisadenmauer abgerissen

1875 >> Postfuhramt

1906 >> Das Haus in der Artilleriestraße 26 (heute Tucholskystraße) wird gebaut. Ein Beispiel.

1907 >> Die Friedrichstraßen-Passage (heute Tacheles) wird gebaut und ist 1909 fertig.

1936 >> Der S-Bahnhof Oranienburger Straße wird am 28. Mai 1936 eröffnet.

1943 >> Schwere Bombenangriffe mit Brand- und Sprengbomben am 23. Nov. beschädigen u. a. das Postfuhramt

1944 >> Am 19. Mai brennt nach Bombenangriffen das Postfuhramt an der Oranienburger Straße

Oranienburger Tor

Das Oranienburger Tor befand sich dort, wo heute die große Kreuzung des nördlichen Endes der Friedrichstraße - Chausseestraße- Hannoversche Straße und Torstraße ist. Heute erinnert noch der U-Bahnhof an das Tor.

1705 wurde entlang der Linienstraße ein Palisadenzaun errichtet und ein erstes Tor genau am Ende der Oranienburger Straße erbaut.

1734 bis 1736 wurde dann die BERLINER ZOLL- UND AKZISEMAUER gebaut. (Akzise = städtische Steuer, Binnenzoll). Seit 1736 ist der Name Oranienburger Tor dann amtlich.

1787/88 wurde aus dem Tor ein Triumphbogen, römischen Vorbildern nachempfunden. Rechts und links mit Durchgängen für Fußgänger. Gebaut wurde das Tor von Carl von Gontard. 18 dieser Stadttore gab es.

1867 waren die Tore nach Stadterweiterungen nur noch Verkehrshindernisse und wurden zusammen mit der Mauer abgerissen. Wie es scheint haben Mauern in Berlin nur eine begrenzte Haltbarkeit...

Genau am Tor befand sich die Lokomotivfabrik von Borsig. Albert von Borsig, der Sohn des Gründers August, erwarb 2 Sandsteintrophäen aus dem Tor und baute sie in die Pfeiler des Tores in Groß Behnitz im Havelland ein. Dort hatte die Familie Borsig das vormalige Itzenplitz’sche Schloss erworben und dort stehen sie immer noch.

Die 2 Sandsteinfiguren in diesem Tor in Groß Benitz im Havelland sind die Reste aus dem 1867 abgerissenen  Oranienburger Tor . Dort hatte die Familie Borsig das vormalige Itzenplitz’sche Schloss erworben und die Figuren integriert.

Spandauer Vorstadt

Da man durch das Oranienburger Tor Spandau erreichte, hieß die Gegend innerhalb der Mauer  Spandauer Vorstadt und im "Grundriss der Königl. Residenzstädte Berlin" von 1792 auch Spandauer Viertel.

Das Viertel vor dem Tor hieß Oranienburger Vorstadt .

Den Begriff Spandauer Vorstadt gibt es heute noch, aber selbst eingefleischte Berliner kommen damit nicht so richtig klar. Der Umfang ist auf der Karte der vorherigen Seite eingezeichnet. Es ist in etwa das Gebiet zwischen Friedrichstraße, Torstraße, Rosenthalerstraße und der Spree.

Man unterschied eine  westliche und eine östliche Spandauer Vorstadt. Die westliche reichte bis zur Rosenthalerstraße und galt als die bessere, reichere Gegend, während die östliche Spandauer Vorstadt von den vor den Pogromen geflüchteten osteuropäischen Juden beeinflusst war.

Ohne genaue Grenzen nennen zu können, wurde und wird die Gegend auch  Jüdisches Viertel genannt. Sie haben es geprägt mit Schulen, Krankenhäusern, Synagogen, Friedhöfen und mit den Betrieben und mit Handel.

Die Gegend nördlich der Spandauer Vorstadt um die Acker- und Gartenstraße nannte sich  Scheunenviertel und war geprägt von üblen Mietskasernen.

Braune Jahre

Schlimm müssen die Braunen Jahre gerade hier im Jüdischen Viertel gewesen sein. Schnell wurde man von den Erwachsenen weitergezogen, stellt man nach dem Krieg die Frage, was das denn für ein imposantes Backsteingebäude da hinten auf dem Hof sei: "Nun komm schon, das war das Jüdische Krankenhaus".

Ein jeder wusste hier Bescheid, was die Nazis anrichteten, wenige stemmten sich dagegen. So wie der Polizist , der das Abfackeln der Synagoge verhinderte.

Als der Spuk dann vorüber war, war alles und alle schwer gezeichnet. Die Bombennächte ab 1943, die im Krieg gebliebenen Väter und Söhne - jede Familie, die hier gelebt hat, war schwer gezeichnet. Wir hatten hier gelebt...

Eigenartig. Wir Deutsche sind noch lange nicht mit unserer Vergangenheit im Reinen. Zu jedem Kapitel auf dieser Seite kann eine Flagge, ein Emblem den Text auffrischen, nur hier zum 3. Reich geht das nicht...

Oranienburger Straße 14. April 2007

S-Bahnhof Oranienburger Straße

Der S-Bahnhof der Nord-Süd-Bahn direkt vor dem Postfuhramt ist nicht so alt. Er wurde am 28. Mai 1936 eröffnet. Hat ihn nicht jeder schon mal mit dem  U-Bahnhof Oranienburger Tor verwechselt?

Die DDR machte ihn am 13. August 1961 zum "Geisterbahnhof". Die Züge aus Westberlin nach Westberlin rauschten hier bis zum 2. Juli 1990 durch.

Das alles wäre nun kein Grund, diesen unscheinbaren Bahnhof hier zu erwähnen, hätte es da nicht ein Ereignis im Krieg gegeben.

Der Bombenhagel auf Mitte hatte den Nord-Süd-Tunnel von Bombentreffern weitgehend verschont. Bei Luftalarm suchten die Leute aus den umliegenden Häusern auch in den unterirdischen Bahnhöfen Schutz.

Es soll am 2. Mai 1945 gewesen sein, 6 Tage vor Kriegsende. Der Bahnhof war voller Menschen. Eine Nachbarin, so wurde später immer erzählt, war auch dort unten und berichtete von plötzlichem Wassereinbruch. Es sollen viele Menschen den Weg nicht mehr nach oben geschafft haben und seien ertrunken.

Es ist nichts genaues in Büchern oder im Netz zu finden. Es gibt nur Gerüchte über zahlreiche Opfer durch den Wassereinbruch, belegt ist nichts.

Waren es Sprengungen am Landwehrkanal, viel weiter weg, oder drang Wasser aus der nahen Spree ein? Jedenfalls hat Tante Anna aus der Auguststr. bestimmt nichts Falsches erzählt. Sie hat viele Tote gesehen.

Der Tunnel wurde erst im November 1947 wieder in Betrieb genommen.

Graue Jahre

"Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, Bau auf..."

Warum Breschnew so eine breite Brust hatte?

Na, er trug einen Herzschrittmacher von Robotron.

Die dem "1000-jährige Reich" folgenden Jahre schafften es nicht, dem Viertel um die Oranienburger Straße wieder ein Gesicht zu geben. Auch nicht mit all dem frischen Gesang. Die Unterschiede zwischen den beiden geschundenen Stadthälften nahmen zu.

Die einen mussten in der Schule das Lied von den "Moorsoldaten" singen. 6 Strophen (!) - welchen Hintergrund das Lied auch immer hat: aber singt man so etwas freiwillig?

1. Wohin auch das Auge blickt. Moor und Heide nur ringsum.

Vogelsang uns nicht erquickt, Eichen stehn kahl und krumm.

Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

Wirklich, man höre da mal rein und lese den restlichen Text:

Die anderen hatten da mehr Bill Haley & His Comets" und "Rock around the clock" im Ohr.

"Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten... "

Einen Vorteil hatte diese Zeit aber auch. Nie konnte man zwei Welten so einfach auseinander halten. Am ersten Ton der Musik oder wenn die Nachrichten im Radio begannen :

"Ich bin ein Berllinner!"

"Der Staatsratsvorsitzende der Deutschen Demokratischen Republik, der 1. Sekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der Ehren... Walter U/Erich H...."

Da war dann das Spannende vorbei und es kamen immer die gleichen Meldungen wie:

... zum 2. Mal erhält die Agrar-Ökonomin Gesine S. vom Kombinat "Blaue Eule" in Tambach-Dietharz die Auszeichnung "Banner der Arbeit für hervorragende und langjährige Leistungen bei der Stärkung und Festigung der DDR, insbesondere für hohe Arbeitsergebnisse in der Volkswirtschaft. Sie hat im Rahmen des x.-Fünf-Jahresplan das Plansoll mit 218,4 % im Wachküssen der Waldbienen zum Wohle unserer sozialistischen Republik übererfüllt....

Aber auch "Staatsbürger der DDR" - so die Witze - schalteten weg, wenn der "Schwarze Kanal von und mit Karl-Eduard von Schn.... " im Fernsehen kam. Viele sollen den Nachnamen nie ganz gehört haben...

Die DDR nahm es nicht so genau mit der Aufarbeitung der Geschichte des Jüdischen Viertels oder Preußens. Sie waren ja die bessern Deutschen: Arbeiter und Bauern eben. Die anderen waren ja Revisionisten, Faschisten, Imperialisten, Kapitalisten und sonst was schlimmes, Klassenfeinde aus der BRD.

Bis zur Wende blieb hier alles Grau in Grau. Vertrautheit und Traurigkeit hielten sich die Waage, als man mit Passierscheinen und Zwangsumtausch wieder hier her durfte.

Da, wo es heute in manchen Häusern in der Oranienburger gleich mehrere Lokale gibt, gab es in der Zeit als "Berlin, Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik" hieß - nichts, wirklich nichts. Es war halt so grau und triste - gerade in der Oranienburger - wie sonst nirgends auf der Welt.

Alles sah so aus wie heute noch die Fassaden des Tacheles und des HTA, des alten Haupttelegrafenamts gegenüber der Neuen Synagoge, die damals verrammelt war und vor sich hingammelte wie alle Gebäude der Gegend.

Fast alle Fassaden hatten noch lange nach der Wende Einschußlöcher vom Endkampf des 2. Weltkrieges.

Die geschmacklosen Technokraten (man denke nur an Honnies Wandlitzvilla) hatten nur Glück, dass die Altvorderen alles so solide gebaut hatten, sonst wäre ihnen der marode Laden DDR schon viel eher unter dem Hintern zerbröselt.

Was sie gut konnten, war Historisches (Schloss!) zu tilgen und herrliche Umbenennungen hinzubekommen:

Jägerstr. in Otto-Nuschke-Str. (klingt das nicht?), Elsasser in Wilhelm-Pieck, all die Rosa-L., Karl-L., Hermann-Matern-, Karl-Marx-, Lenin-, Stalin,- Grotewohl (hallo Otto!) - Straßen, Alleen usw.

Selbst der Bahnhof Börse (gut: die gab es nicht mehr) und der Lustgarten wurden Marx-Engels geopfert..... 40 Jahre lang überinterpretiert, von der Geschichte überrollt, zu Recht vergessen, die beiden.

So, das musste sein.

Obwohl die beiden Bilder vom Dezember 2006 sind, geben sie ein Feeling der grauen Oranienburger Straße in den Jahren der DDR wieder. So sah es hier überall nach dem Krieg und nach all den vielen ruhmreichen 5-Jahres-plänen aus:

Die Rückseite des Haupttelegrafenamtes in der Monbijou- und die Front in der Oranienburger Straße gegenüber der Synagoge.

Früher hieß der graue Bau gegenüber der Synagoge HTA - Haupttelegrafen-amt. Grau ist es immer noch. Die ARD nutzt hier einen Saal.

Fazit

Und? Was ist geblieben von der grauen Zeit mit den roten Spruchbändern, der unzerbrechlichen Freundschaft mit der glorreichen Sowjetunion?

Nostalgische Rundfahrten in Trabbis? Die Ampelmännchen? Wer sie denn mag. War nicht der letzte, der mit so einem Strohhut in der Stadt gesehen wurde, ein gewisser Erich Honecker?

Damit keiner auf dumme Gedanken kommt: Die beiden Ampellichter sind Ecke Oranienburger /Tucholskystraße vom Autor fotografiert und dann ausgeschnitten worden! Schließlich finden gerade Prozesse um die Vermarktung dieser so herrlich in eine moderne Welt passenden Symbole statt.

Hach: wie niedlich!

Die einst so graue Straße heute

Wer einst vorhergesagt hätte, dass hier im historischen Viertel der Juden in der Spandauer Vorstadt mal die Inder mit all ihrer Exotik und Düften den Ton angeben würden - zumindest mit den Restaurants - der wäre als Wessi in Wittenau und als Ossi in Beelitz gelandet.

Die folgenden Bilder sind nur in der Oranienburger Straße aufgenommen worden.

Von der Friedrichstraße bis zum Hackeschen Markt sind es vielleicht 2000m.

Warum noch so wenig los ist? Es war Sonnabend, der 16.Dezember 2006 zwischen 14:00 und 16:00 Uhr, kalt und ungemütlich.

Die Oranienburger Straße hat noch nicht richtig begonnen, dort, wo die Linien- auf die Friedrichstraße trifft. Den "Gambrinus" gab es hier wohl schon immer, vielleicht schon vor dem Krieg. Muss mal den Wirt fragen...

Alle neuen Reiseführer, und gerade die für Backpackers aus allen Ländern, haben sowohl die Bergmannstraße in Kreuzberg als auch die Oranienburger Straße in Mitte mit vielen Seiten bedacht.

Die meist jugendlichen Touristen sind über die für europäische Verhältnisse sehr geringen Preise für Speisen und Getränke immer wieder erstaunt.

Natürlich sind die vielen schrägen Clubs und angesagten Kneipen der Gegend noch viel anziehender.

Überhaupt das Nachtleben. Es stehen viele ausgesprochen hübsche, blonde Frauen auf der Fahrbahn vor den geparkten Autos. Knapp gekleidet, hohe Wangenknochen, aus der Ukraine? Aus Weißrussland? Was die da nur wollen?

Der Straßenstrich stört nicht weiter das quirlige Leben an Sommerabenden in der Oranienburger Straße. Es hat ihn wohl schon in den "Goldenen Zwanzigern" hier gegeben, was man dem Autor als Junge allerdings sorgsam verschwiegen hat.

!!Touristenwarnung!!

Stellen Sie bitte keinem Berliner - sofern Sie einen Treffen - unüberlegten Fragen. Erkennt der da irgend eine Blöße, eine Kerbe, haut er ohne zu überlegen gnadenlos da rein. Ein Beispiel?

 

Elegante Dame am Buga-Parkeingang:

Wann schließen Sie denn?

Wenn et dunkel wird.

Wann ist denn das?

Na, wenn se nüscht mehr sehn!

Die Geschäfte kammen und gehen. 2017 sieht schon wieder alles anders aus.

Weiter, weiter: Hier ist man doch erst an der Tucholskystraße...

Huch: Das ist ja nur ein Fahrradladen!

Yo soy, Spanisch: "Ich bin" - gleich um die Ecke, schon in der Rosenthaler Straße, aber Vino Tinto und Tapas sind ja fast schon bodenständig zu nennen nach all der exotischen Küche in der Oranienburger Straße.

Wären die Autos nicht: Uraltes Berlin, aber es ist der 14.04.2007, 17:25 Uhr

Oranienburger Str. bei minus 9°C am 1. Feb. 2012