Handbuch der Malediven

Handbuch der Malediven

Kapitel 7: Stachelhäuter

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Klasse: Seeigel -  Echinoidea

Stamm Stachelhäuter - Echinodermata

Griffelseeigel

Heute sind ca. 860 verschiedene Arten der meist kugelförmigen Seeigel bekannt. Wie aus der Systematik zu entnehmen ist, wird in den meisten Büchern die Klasse der Seeigel in 2 Unterklassen eingeteilt, den radiär-symmetrischen, den runden und den bilateral-symmetrischen, den eher länglichen Seeigeln. Während die ersteren die bekannten stachligen Kugeln sind, haben die anderen ganz dicht stehende kurze Stacheln. Diese Seeigel haben ein "Vorne" mit dem Maul und ein "Hinten" mit dem After entwickelt. Sie bewegen sich auch nur in einer Richtung fort. Sie sind tagsüber meistens im Sand eingegraben.

Die beweglichen Stacheln der  Regulären Seeigel sind strahlenförmig auf einem runden, auf der Unterseite leicht abgeflachten Körper angebracht. In der Mitte der Unterseite befindet sich das mit 5 ziemlich kräftigen, konzentrisch angeordneten Zähnen bewehrte Maul. Genau gegenüberliegen, in der Mitte der Kugel, auf dem "Rücken", ist der After, der nur bei gezieltem Hinsehen zu entdecken ist.

Zwischen beiden verlaufen 5 Bahnen, ähnlich der Rillen auf der Unterseite von Seesternarmen. Sie werden von den 5 Kalkplatten (Ambulakralzonen) geprägt, die das Skelett des Körpers ausmachen. Fortbewegen können sich Seeigel entweder auf ihren Stacheln, die sie wie Stelzen nutzen oder sie haben, wie die Seesterne, kleine mit Saugnäpfen bewerte Füße (Ambulakralfüße) und bewegen sich im Gegensatz zu den  Irregulären Seeigeln nach allen Seiten fort.

Alle Arten sind nachtaktiv und am Tage sind manche Arten vor ihren Feinden gut versteckt. Sie haben zwar keine Augen, können aber trotzdem Lichtschwankungen erkennen und somit Feinde wahrnehmen. Da wären in erster Linie die großen  Drückerfische , die die Stachelkugeln einfach mit einem Wasserstrahl umpusten. Dazu müssen diese allerdings freiliegen. Der Strahl ist aber auch dazu geeignet, im Sand vergrabene Seeigel freizulegen. Liegen diese dann erst einmal auf der Seite, lassen sie sich von den kurzen Stacheln am Bauch auch nicht mehr aufhalten und brechen den Körper dort auf. Andere große Fische beißen Stachel für Stachel ab, bis sie an den Körper kommen. Seeigel schmecken. Einige kurzstielige Arten werden auch im Mittelmeer aufgesammelt, der Körper aufgebrochen, die Eier ausgekratzt und gegessen.

Hier auf den Malediven sind ganz kleine, violett gefärbte Seeigel mit dünnen langen Stacheln zu finden, die sich in die Korallen in gut durchfluteten Zonen ein Loch gebohrt haben und es nie wieder verlassen. Oft spürt man sie an den Fingern, wenn man sich an den vermeintlich abgestorbenen Korallen festhalten will. Es ist der  Bohrende Riffseeigel Ecxhinostrephus aciculatus , der sich regelrecht in das weiche Material der Korallen hereinfrißt und dann vor Feinden für den Rest seines Lebens geschützt ist.

Eine besonders kompliziertes Gebilde ist das Maul der Seeigel. Sie weiden mit ihren greiferähnlich, zusammen arbeitenden fünf Zähnen Algen von jedem Untergrund ab, fressen Aas genauso wie jedes organische Futter, das sie finden können. Diese fünf Zähne kann man sehen, dreht man einen Seeigel um. Sie werden, da sich die feinen Kalkzähnchen schnell abnutzen, regelmäßig ersetzt.

Die ganze Konstruktion eines Seeigelkörpers wird schon seit alters her die " Laterne des Aristoteles " genannt. Die Geschlechter sind von außen nicht zu erkennen. Die femininen Seeigel geben eine Unzahl von Eiern ab, die vom Sperma im freien Wasser befruchtet werden und plantonisch davon treibt. Das larvale Stadium soll 4-6 Wochen dauern. Dann sinken sie zu Boden und die Metamorphose zum Seeigel beginnt. Aus der Haltung in Aquarien weiß man, das Seeigel bis zu 8 Jahre alt werden können. Die meisten Seeigelarten sind als Pflanzenfresser wichtig für das Riff. Sie halten es von zu starkem Algenbewuchs frei.

Systematik: Klasse der Seeigel -  Echinoidea

Reich  Vielzellige Tiere Metazoa Metazoa

Stamm Stachelhäuter Echinodermata

Klasse Seeigel Echinodea

Unterklasse Reguläre Seeigel Regularia

Ordnung Lanzenseeigel Cidaroida Lance urchins

Familie Lanzenseeigel Cidaridae

Gattung Phyllacanthus

Art Lanzenseeigel Phyllacanthus imperialis (Lamarck, 1816) Lance urchin

Ordnung Diademseeigel Diadematoida

Familie Diademseeigel Diadematidae Diadem urchins

Gattung Diadema

Art Diademseeigel Diadema setosum (Leske, 1778) Diadem urchin

Gattung Echinothrix

Art Kalmar - Diademseeigel Echinothrix calamaris (Pallas, 1774) Banded urchin

Art Schwarzer Diademseeigel Echinothrix diadema (Linnaeus, 1758) Blue-black urchin

Ordnung Fünfeckseeigel Temnopleuroida

Familie Giftzangenseeigel Toxopneustidae

Gattung Tripneustes

Art Pfaffenhutseeigel Tripneustes gratilla (Linnaeus, 1758) Collector urchin

Ordnung Echte Seeigel Echinoida

Familie Querigel Echinometridae

Gattung Echinometra

Art Riffdachseeigel Echinometra mathai (Blainville, 1825) urchin

Familie Bohr- und Griffelseeigel Echinometridae

Gattung Heterocentrotus

Art Griffelseeigel Heterocentrotus mammillatus (Linnaeus, 1758) Red pencil urchin

Ordnung der Lanzenseeigel -  Cidarida
Familie der Lanzenseeigel -  Cidaridae
Lanzenseeigel -  Phyllacanthus imperialis (Lamarck, 1816)

E: Lance urchin

Durchmesser des Körpers: 8 cm, mit Stacheln: 25 cm, Tiefe: 2 m,

Kuramathi, Rasdoo - Atoll, 1986

Lanzenseeigel  Phyllacanthus imperialis (Lamarck, 1816)

Sieht man diese Tiere zum ersten Male, hält man sie für überwachsene, weil tote  Griffelseeigel . Die Stachel sind tatsächlich von  Epibionten , d. h. mitwachsenden Lebewesen besetzt. Die nachtaktiven Seeigel leben alleine am Riff. Sie saugen sich am Tage in geschützten Spalten so fest, dass sie nicht einmal mit Gewalt daraus hervorzuholen sind. Der  Lanzenseeigel und auch der  Griffelseeigel  sind richtig stark und können mit großer Kraft mit ihren Stacheln eine Hand wegdrücken. Bricht dabei ein Stachel ab, wachsen diese nach und sind leicht an dem fehlenden Bewuchs zu erkennen. Die Stacheln haben Längsrillen, die vielleicht erst den Bewuchs ermöglichen.

Zum Laichen finden sich viele Tiere am Riff ein und geben Eier und Sperma ins Wasser ab. Die  Lanzenseeigel  ernähren sich hauptsächlich von Algen. Seeigel halten so die Riffe von zu viel Bewuchs frei und damit gesund. Da kaum ein Lebewesen nur von den schwer aufzubereitenden Algen alleine leben kann, fällt er über so ziemlich alle festsitzenden Niedere Tiere her: Moostierchen, Seescheiden, Schwämme und Röhrenwürmer.

Er kann seine Saugfüße auch zur Fortbewegung nutzen, legt aber größeren Strecken auf seinen Stacheln stelzend zurück. Sie bevölkern die Riffe bis in 15 m Tiefe.

Vorkommen: Im Indopazifik.

Ordnung der Diademseeigel - Diadematoida
Familie der Diademseeigel - Diademtidae
Diademseeigel - Diadema setosum (Leske, 1778)

E: Diadem urchin

Durchmesser des Körpers: 9 cm, mit Stacheln: 40 cm, Tiefe: 2 m,

Dhigufinolhu, Süd-Male-Atoll, 1990

Diademseeigel  Diadema setosum (Leske, 1778)

Die langen Stacheln sind innen hohl und brechen bei der kleinsten Bewegung ab wie sprödes Glas. Hat man sie erst einmal in der Haut, ist es schwierig, sie zu entfernen. Mit der Pinzette kann man sie nicht greifen, weil sie beim Zupacken regelrecht zersplittern. Den besten Erfolg habe ich mit einem Tropfen flüssigen Klebstoff (Uhu, Pattex) erzielt. Das Stachelende mit einer Nadel etwas freilegen, einen Tropfen raufgeben, antrocknen lassen und rausziehen. Rausholen sollte man den Stachel schon. Der Schleim an ihnen entzündet die Wunde und kann zu tagelangen Schmerzen führen.

Diademseeigel sind hier eher selten. Tagsüber verstecken sie sich gut in den Korallen. Auf sandigen Böden ohne Versteckmöglichkeit bilden sie kleine Kolonien und verhaken sich förmlich zum Schutz gegen Feinde. Man mag es kaum glauben, aber sie haben tatsächlich Feinde. Erwischen Drückerfische sie im Freien, pusten sie sie mit einem scharfen Wasserstrahl einfach um und machen sich über die ungeschützte Unterseite her. Andere große Fische knabbern die Stachel geduldig ab, um die Körper zerbeißen zu können.

Diademseeigel gewähren anderen Fischen ihrerseits auch Unterschlupf vor Feinden. Im Schutz der langen Stachel finden kleine Jungfische wie Kardinalbarsche oder Grundeln tagsüber einen sicheren Ort. Auch kleinste, nur wenige Millimeter große, dunkel gefärbte Garnelen leben, für das Auge fast unsichtbar, zwischen den Stacheln.

Die Körper der Diadem-Seeigel erreichen einen Durchmesser von 9 cm. Die Stacheln können 15 cm lang werden. Schaut man von oben auf einen Diademseeigel, sieht man fünf Streifen, die sich am Ende wie ein Ypsilon gabeln und in einem weißen Punkt enden. Die Farbe der fünf Streifen und Punkt irisieren weißlich oder bläulich. Im künstlichen Licht einer Lampe sieht der Seeigel stumpf und grau aus. In der Mitte des Rückens und des Strahlenkranzes sitzt, wie gesagt der After. Er endet in einer Analblase, die in anderen Teilen des Indischen Ozeans einen auffallenden roten Innenrand haben kann. Auf den Malediven sind sie schwarz wie die Stacheln.

Vorkommen: Indopazifik, vom Roten Meer bis Japan in 1 - 15 m Tiefe.

Kalmar-Diademseeigel - Echinothrix calamaris (Pallas, 1774)

E: Banded urchin

Durchmesser des Körpers: 9 cm, mit Stacheln: 40 cm, Tiefe: 2 m,

Dhigufinolhu, Süd-Male-Atoll, 1990

Kalmar - Diademseeigel  Echinothrix calamaris (Pallas, 1774)

Die Farbe der fünf Streifen und Punkt irisieren weißlich oder bläulich, lassen sich nicht fotografieren. Überhaupt sieht der Seeigel im künstlichen Licht einer Lampe stumpf und grau aus. In der Mitte des Rückens und des Strahlenkranzes sitzt, wie gesagt der After. Er endet in einer Analblase, die in anderen Teilen des Indischen Ozeans einen auffallenden roten Innenrand haben kann. Auf den Malediven sind sie schwarz wie die Stacheln.

Vorkommen: In allen Meeren mit gemäßigter Temperatur.

Schwarzer Diademseeigel -  Echinothrix diadema (Linnaeus, 1758)

E: Blue-black urchin

Durchmesser des Körpers: 6 cm, mit Stacheln: 12 cm, Tiefe: 2 m,

 Dhigufinolhu, Süd-Male-Atoll, 1990

Schwarzer Diademseeigel Echinothrix diadema (Linnaeus, 1758)

Häufig lagen diese schwarzen Seeigel an den Riffen herum. Unter Wasser sind sie nicht leicht zu unterscheiden und es gibt wenig Literatur über Seeigel. Auch das Internet gibt nicht viel her - aber die Suche wird nicht aufgegeben...

Ordnung der Fünfeckseeigel -  Temnopleuroida , Familie der Giftzangenseeigel -  Toxonpeustidae

Pfaffenhutseeigel -  Tripneustes gratilla (Linnaeus, 1758)

E: Collector urchin

Durchmesser des Körpers: 20 cm, mit Stacheln: 40 cm, Tiefe: 2 m

Ellaidhoo, Ari-Atoll, 1995

Pfaffenhutseeigel  Tripneuses gratilla (Linnaeus, 1758)

Durchmesser des Körpers: 20 cm, mit Stacheln: 40 cm, Tiefe: 2 m,

 Ellaidhoo, Ari-Atoll, 1995

Es scheint, als habe diese Art Koordinationsschwiergkeiten im Ausrichten der kurzen Stachel. Sie stehen wirr durcheinander von der etwa 20 cm großen Körperkugel ab. So einen Pfaffenhut sollte man tunlichst nicht anfassen. Er hat winzig kleine aber wirkungsvolle Giftzangen und oben drein noch giftige Bläßchen, die starke Schmerzen verursachen.

Sie versuchen sich zu tarnen, in dem sie Blätter oder kleine Korallenstücke auf dem Rücken transportieren. Diesen Seeigeln auf dem Bild musste in einem "Unterwassersandsturm" erst einmal von Blättern befreit werden, um ihn überhaupt sehen zu können. Er lag an einem Wellenbrecher und es wurde gerade dunkel. Den Tag über wird er in der Mauer versteckt gewesen sein und war nun auf der Suche nach Algen. Auf Seegraswiesen sind manchmal viele dieser Igel an einer Stelle anzutreffen. Ob sie das zum Schutz vor Feinden oder zur effektiven Fortpflanzung machen?

Die Farben variieren von schwarz bis weiß.

Vorkommen: Im Indopazifik.

Durchmesser des Körpers: 20 cm, mit Stacheln: 40 cm, Tiefe: 2 m,

 Ellaidhoo, Ari-Atoll, 1995

Ordnung der Echten Seeigel - Echinoida
Familie der Querigel -  Echinometridae
Riffdachseeigel - Echinometra mathai (Blaiville, 1825)

E: urchin

Durchmesser des Körpers: 10 cm, mit Stacheln: 20 cm, Tiefe: 2 m

Ellaiddhoo, Ariatoll, 1994

Riffdachseeigel  Echinometra mathai  (Blainville, 1825)

Am Tage verstecken sie sich in natürlichen oder auch selbst gebohrten Löchern auf den Oberflächen von Steinkorallen. Auch in abgestorbenen Korallen an denen man sich eben mal in der Strömung festhalten will. Er kann sich kräftig in den starken Strömungen der Gezeitenzone festklammern.

Variabel ist die Farbgebung aber alle haben einen weißlichen Ring an der Basis der starken Stacheln.

Vorkommen: Indopazifik und die Randmeere bis Hawaii.

Griffelseeigel - Hecterocentrostus mammillatus (Linnaeus, 1758)

E: Red pencil urchin

Durchmesser des Körpers: 8 cm, Stachellänge: 10 cm, Tiefe: 2 m,

  Ellaidhoo, Ari-Atoll, 1994

Griffelseeigel Heterocentrotus mammillatus (Linnaeus, 1758)

Vorkommen: In allen Meeren.

Kuredu, Faddhippolhu-Atoll, 1998

Nachts am Riff

An gesunden Riffen ragen die Griffel aus den Verstecken in den Spalten und Höhlen heraus. Die Kugel des Körpers hat einen Durchmesser von 8 cm und die Stacheln werden 12 cm lang Die Seeigel leben nicht tiefer als 8 m. Die Stacheln fassen sich glatt an, sind nicht schleimig. Die langen Primärstacheln haben eine dreieckige Form.  Sie sind bräunlich oder auch rot und haben helle Bänder.

 

Den Körper bedecken ganz kurze Sekundärstacheln. Tagsüber sind die Griffelseeigel unlösbar in sicheren Spalten weiter unten verkeilt. Die Haftkraft ist beträchtlich. Um den Seeigel mit Gewalt lösen zu können, müsste das Tier schon getötet werden. Nachts kommen sie hervorkommen und sie weiden den Bewuchs vom Untergrund ab. Auf ihrem Rücken müssen sie lichtempfindliche Organe haben. Bei dem hier abgebildeten Seeigel zeigte sie eine Reaktion, wenn der Sonnenstrahl mit der Hand unterbrochen wurde.

 

Aufgeregt bewegten sie die runden Stacheln hin und her und zwar in einer unmittelbaren Reaktion, die man dem festgekeilten Seeigel gar nicht zu traut. Gleiches Verhalten zeigte diese Art, wenn sie nachts mit der Lampe anleuchtet wird.  Wenn sie in der Nacht aus ihren Verstecken hervorkommen, laufen sie erstaunlich behände auf ihren Saugfüßen. Sie können gut klettern.

 

Von den 860 Arten Seeigel gibt es nicht viele mit solchen dicken und runden Stachel. Hier allerdings lebt noch einen zweiten Vertreter, dessen Stacheln aber unansehnlich wie mit Kalk überzogen wirken und den man für ein schon lange totes Exemplar des Griffelseeigel halten kann: den Lanzenseeigel. Den Namen soll diese Art davon haben, dass man früher die „Griffel“ wirklich als solche zum Schreiben auf Schiefertafeln verwendet hat.

Kuredu, Faddhippolhu-Atoll, 1998

Kuredu, Faddhippolhu-Atoll, 1998