Vom Schloss Bellevue zum Hackeschen Markt
Nördlich des Straßenzuges 17. Juni / Unter den Linden
Berlin - Mitte: Postfuhramt
Fortsetzung
Porträts zwischen den Fensterbögen im Erdgeschoss
Nein, nein! Das ist nicht Frankenstein! Das ist von Seegebarth, Generalpostmeister, somit Chef des Postwesens in Preußen Anfang des 19. Jhdt. Porträt Nr. 12
Nur mal aus purer Neugierde die 25 Porträts angesehen. Ist doch spannend wer um die Mitte des vorvorigen Jahrhunderts für würdig befunden wurde, das damals größte öffentliche Gebäude Berlins an der Fassade schmücken zu dürfen.
Das Erdgeschoss des Postfuhramtes hat 26 Fenster, 13 jeweils in beiden Straßen, der Oranienburger Straße und der Artellerie-straße (heute Tucholskystraße). Zwischen den Rundbögen sind 26 Halbreliefs eingelassen, 25 davon sind enthalten. Sie stellen Erfinder, Gelehrte, Entdecker und Persönlichkeiten der Post- und Verkehrsgeschichte von der Antike bis ins 19. Jahrhundert dar. Das 26. Relief wurde im Krieg zerstört und keiner weiß mehr, wer darauf dargestellt war.
Dort stand aber fälschlicherweise, die Persönlichkeiten hätten "....sich Verdienste um das Postwesen erworben...." . Möge bitte einer erklären, was beispielsweise Herodt (484 - 425 v. Chr.) mit der Post zu tun hatte....
in der Oranienburger Straße:
Porträt Nr. 1
Darius I.
549-485 v. Chr.
Darius der Große
Großkönig des persischen Archäminidenreiches
Porträt Nr. 2
Herodot
484-425 v. Chr.
griechischer Geschichtsschreiber
Porträt Nr. 3
Marcus Vespianus Agrippa
63-12 v. Chr.
römischer Feldherr
Porträt Nr. 4
Marco Polo
ca. 1254-1324
venezianischer Asienreisender
(bestimmt stammt das Porträt von seinem chinesischen Reisepass)
Porträt Nr. 5 Johann Gutenberg
Porträt Nr. 6
Christoph Kolumbus
1451-1508
italienischer Seefahrer
Porträt Nr. 7
Franz von Taxis
1459-1506
Begründer des europäischen Postwesens
Porträt Nr. 12
von Seegebarth
1747-1823
Generalpostmeister
Porträt Nr. 8 Nikolaus Kopernikus
Porträt Nr. 9 Luigi Galvani
Porträt Nr. 10 James Watt
Porträt Nr. 11 Alessandro Volta
in der Tuchoskystraße:
Porträt Nr. 13
von Hardenberg
1759-1822
Staatsmann
Porträt Nr. 14
Alexander von Humboldt
1769-1859
berühmter Wissenschaftler
Porträt Nr. 15
von Nagler
1770-1846
Generalpostmeister
Porträt Nr. 16 Gauß
Porträt Nr. 17
Gottlob Heinrich Schmückert
1790-1862
Generalpostdirektor
Porträt Nr. 18
Benjamin Franklin
1706-1790
Naturwissenschaftler
Porträt Nr. 19
Georg Stephenson
1781-1848
Begründer des englischen Eisenbahnwesens
Porträt Nr. 20 Ørsted
Porträt Nr. 21
Samuel Morse
1791-1872
Erfinder
Porträt Nr. 22 von der Heydt
Porträt Nr. 23 Werner von Siemens
Porträt Nr. 24
von Steinheil
1801-1870
Physiker, Astronom
Porträt Nr. 25 unbekannt, im Krieg zerstört
Porträt Nr. 26
Christof Bibbert Kirchhoff
1824-1887
Physiker
Persönliches Fazit zu den Porträts
Man muss schon lange überlegen, was Darius der Große, Agrippa, Marco Polo, Kopernikus oder Kolumbus mit dem Postwesen zu tun hatten.
Die andere Gruppe mit den vielen Generalpostmeistern und -direktoren Preußens kann man ja verstehen.
Die dritte Gruppe kennt man aus dem Physikunterricht und dem Job: Jeder hat von Volt, Watt, Gauß, Kirchhoff alleine als Maßeinheit gehört. Da sind dann noch die heute wirklich bekannten Namen wie Gutenberg, Humboldt, Siemens usw. Aber ein direkter Bezug zur Post?
Wenn man heute 26 Größen auswählen müsste: wen würden wir nehmen?
Fuhrpark Pferde
Zu einem Postfuhramt gehört natürlich ein "Fuhrpark" und zwar, wie für die aufstrebende Stadt Berlin, ein großer. Und was gab es im 18./19. Jahrhundert? Pferde. Und zwar viele.
Postillone hatten ihre eigenen Pferde, bauten zu zwei Dritteln mit eigenem Geld ihre Unterkünfte und brauchten Ställe, Remisen für Postkutschen, Fuhrwerke, Postwagen, Werkstätten - und das alles mitten in der Stadt. In Mitte eben, Auguststraße 5.
April 2007
Die Tafel befindet sich an der 2007 noch nicht renovierten Fassade auf dem Hof
1705 entstand ein erstes "Postillonhaus" und das Gelände wurde bis 1713 und danach analog zur steigenden Bevölkerung Berlins erweitert. Erst am 01.02.1874 wurde das Postfuhrwesen von der Reichsverwaltung übernommen.
Bis dahin waren die Zustände unerträglich geworden und alle Gebäude zu klein. Einmalig für Europa wurden 1875 und 1876 zwei zweistöckige Pferdeställe, halb in die Erde versenkt, für 240 Pferde gebaut. Mit Rampen kamen die Pferde nach oben und unten in die Boxen. Unvorstellbar muss der Gestank der Hinterlassenschaften so vieler Tiere mitten in der Stadt gewesen sein. (Da hätte das nebenstehende Gedicht entstehen können aber Gernhardt wurde erst 1937 geboren!)
Was werden die Anwohner über 240 Pferde nebenan gedacht haben?
Schöner wäre diese Erde - ohne Pferde
Soll euch doch der Teufel holen
All ihr Stuten und ihr Fohlen
Von der Schnauze bis zum Schwanz
Pferde, ich veracht' euch ganz
Robert Gernhardt
Und dann wurde ein Pferd krank! Dass da eine Epidemie, gefährlich auch für Menschen, ausbrach, war sowieso nur eine Frage der Zeit gewesen.
1876 begann dann der Abriss der Stallgebäude an der Artilleriestraße, der heutigen Tucholskystraße, Ecke Auguststraße, und der Neubau wurde in Angriff genommen.
Bergmann-Elektro-Paketwagen BEL 2500, Baujahr 1927, genannt: „Suppentriesel"
Der Wagen des Deutschen Technikmuseums steht in der Schnelltriebwagenhalle an der Monumentenbrücke in Berlin und ist jedes Jahr nur an den Sonntagen im September zu besichtigen.
Die Aufnahme ist vom September 2007.
Dass es in Berlin einmal an die 100 Firmen gab, die Autos bauten, ist fast vergessen. Um 1920 herum bauten sogar Firmen wie Siemens oder AEG Autos. Das hielt allerdings nicht lange an. Die Wagen wurden einzeln von Hand gebaut und ließen sich einfach nicht wirtschaftlich herstellen.
Da der elektrische Anlasser erst später erfunden wurde, experimentierten die Firmen auch alle mit elektrischen Antrieben, denn das Starten der Benzinkutschen per Kurbel war umständlich und, für ein Fahrzeug der Post im Zustelldienst, nicht machbar.
Schon 1899 experi-mentierte die Reichspost mit elektrisch angetriebe-nen Fahrzeugen. 1938 hatte sie über 2500 Autos dieser Art in Betrieb.
In Bremen wurden z. B. bei Hansa Lloyd in den zwanziger Jahren Lastwagen mit Elektroantrieb gebaut, die 2 t zuladen konnten und mit 14 PS mit knapp 30 km/h um die 60 km weit kamen.
Auf dem Hof des Postfuhramtes stationiert, waren bis 1968 die Elektrolastwagen der Firma Bergmann in Betrieb. Vom 3. Stock des Eckhauses August-/Tucholskystraße, aus der Wohnung einer Verwandten heraus, konnte in den Hof eingesehen werden. Spannend für Jungen in der Nachkriegszeit: Es waren schließlich die einzigen Fahrzeuge, die sich in dem Viertel bewegten und da vom Hof schnurrten.
Das Geräusch der Ketten des Hinterradantriebes war weithin zu hören und brachte dem robusten LKW Baujahr 1927 den Namen „Suppentriesel" ein.
Der Hof
Sie hatten vergessen, das Hoftor abzuschließen. Aber was ist schöner als was verbotenes zu untersuchen?
Doch die Enttäuschung war ziemlich groß. Offensichtlich sind die Renovierungsarbeiten nach kurzer Zeit wieder eingestellt worden.
Dass man hier mal 240 Pferde in einem doppelstöckigen Stall gehalten hat, kann man sich heute nicht mehr vorstellen.
April 2007
Da war seit dem Bau nie wieder was gemacht worden
April 2007
Warum dieses Bild hier so groß dargestellt wird? Weil es schade ist, das solche leicht verwilderten, nicht genutzen Ecken in ganz Berlin für immer verschwinden sind. 2021 sieht es hier bestimmt nicht mehr so aus. Damit verschwindet irgendwie eine ganze Ära aus der Stadt. Die Nachkriegszeit und die verlotterte DDR sind endgültig Geschichte. Solche fast gemütlichen Ecken sind zubetoniert, zu 100% genutzt. Nicht mal ein bißchen Grün hat eine Chance.
April 2007
Die einzige Einfahrt auf den Hof des Postfuhramtes
August 2007
Schöne Details
August 2007
Hoffentlich noch nicht geklaut
April 2007
Die Fassade auf der Ostseite hatten Renovierungsarbeiten angefangen. Wahrscheinlich von der Deutschen Post. hat man gemerkt, dass das ein Fass ohne Boden ist?
Der Bauabschnitt rechts daneben sah jedenfalls 2007 noch so aus.
Ehrlich, als ich die Ornamente da oben sah, dachte ich in der ersten Sekunde, da hätte sich die DDR verewigt.
Aber es waren nicht Hammer und Sichel - und ich war erleichtert.
Die konnten mauern!
April 2007
Einzig die Tafel war schon wieder aufgefrischt. Wird spannend, wie es da heute aussieht.
Auf dem Hof wollte tatsächliche eine israelische Hotelkette ein Haus hin bauen! War schon genehmigt.
All zu viele Berliner werden den Hof wohl noch nicht betreten haben.
Wird fortgesetzt (März 2021)
März 2021
Hofeinfahrt des Postfuhramtes in der Augusts. 5. Die Fassaden sind jetzt glatt, ein paar Bäume sind gepflanzt, das mächtige Tor ist neu, aber nichts ist los.
Notiz:
Medizintechnikfirma Biotronik
Schulung, Austellung Büros?
Das Dach soll in Stahlbauweise komplett neu gebaut werden
Einbau von 4 Aufzüge?
Schön ham´set hier!
Schön leer….
März 2021