Handbuch der Malediven

Handbuch der Malediven

Kapitel 1: An Land

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Korallensterben

Malediven - der Zentralfriedhof des Indischen Ozeans?

Kuramathi

Dhigufinolhu

Ellaidhoo

Vilamendu

Velu Reef

Maafushi

Eriyadu

Ari-Beach

Angaga

Kuredu

Embudu

Frage:

Hallo Sie da! Ja, Sie!

Sagen Sie bitte, fällt Ihnen an den beiden Bildern da unten irgend etwas auf? Nein? Na dann - kein Grund zur Beunruhigung.

Den Tourismusmanagern, den Konferenzteilnehmern von Rio über Kioto bis Bali, der Weltpresse auch nicht, von Tauchlehrern ganz zu schweigen. Ist doch scheißegal, was mit dem Indischen Ozean passiert ist, oder? Schließlich fahren wir 2008 in Berlin mit einer Plakette aus Feinstaub (so ähnlich jedenfalls) durch die Innenstadt - das ist was zählt, das wird die Welt retten! Was brauchen wir dazu das größte Ökosystem der Erde? Das ist ja sowieso nicht mehr zu retten.

Beide Aufnahmen sind an flachen und vergleichbaren, gut durchströmten Riffabschnitten gemacht. Als die Unterwasserwelt noch in Ordnung war, vor 1998, würden auf den beiden Fotos die gleichen Korallenarten zu sehen sein.

Aber der Reihe nach...

Kuredu, Januar 1998: 3 Monate später gab es keine Korallen mehr....

Jetzt sehen die Riffe so aus: Embudu, Januar 2003

Korallen: Wachstum und Umweltbedingungen

Korallen gibt es seit 400 Millionen Jahren. Die  Korallen der Tropen stellen hohe Anforderungen an ihre Umweltbedingungen. Sie vertragen nur kurzzeitig Temperaturen von unter 20°C und über 32°C. Sonst sterben sie ab.

Genau das aber ist bei dem außergewöhnlich starken El Niño im Frühsommer 1998 geschehen. Eine Warmwasserwelle rollte vom Süden her durch den Indopazifik nach Norden. Die Wassertemperaturen erreichten monatelang 38°C und mehr. Selbst in 50 Meter Tiefe wurden noch 30°C gemessen.

Das Traurige war, dass die Medien nicht darüber berichteten. Selbst der Spiegel brauchte Jahre, eh ziemlich oberflächliche Berichte erschienen. Selbst heute ist kein genauer Überblick über die Ausmaße des Korallensterbens - trotz Internet - zu erhalten. Nur nicht dem Tourismus schaden, auch, wenn wie im Falle der Malediven, eine ziemlich korrupte Oberschicht den Gewinn abschöpft.

Das schaurige Ende der Korallenriffe werden die folgenden Bilder dieser Seiten zeigen.

Die Koralle hat schneller das Kalkgerüst aus Aragonit gebaut, ist schneller gewachsen als die Zooxanthellen die Spitzen besiedeln konnten.

Die symbiotischen Algen geben der Koralle die Farbe und ernähren sie mit ihren Stoffwechselprodukten aus der Photosynthese.

Große Geweihkoralle -  Acropora grandis (Brook, 1892), Vilamendhoo, 1997

Korallen sind Tiere, genauer Nesseltiere. Sie bilden Kolonien und die  Octocorallia , die Achstrahligen Korallen (die bekanntesten sind die Steinkorallen), bilden die Riffe - wenn man ihnen Zeit läßt, viel Zeit. Manche der Steinkorallen wachsen nur wenige Millimeter im Jahr. Gerade diese haben den Warmwasserschwall auf den Malediven nicht überlebt. Jahrtausendalte Korallenblöcke sind abgestorben.

Jetzt sind keine Larven dieser Korallenarten mehr im Wasser. Gäbe es Larven, bräuchten sie alleine an die 100 Jahre, um einen festen Halt auf festem Untergrund zu finden. Auch den gibt es ja nicht mehr. Durch Verschmutzung werden die Meere saurer und Säure löst ja den Kalk der Korallen auf. Eine spannende Frage ist, ob sich der ph-Wert in den Gewässern hier verändert hat. Die Korallentrümmer auf den Riffdächern sehen von Jahr zu Jahr immer runder aus.

Genauere Einzelheiten sind auf den Seiten Korallen zu finden.

Bleaching, Embudu 2003

Da versucht sich das Riff zu erholen. Die Himbeerkoralle wuchs ungefähr 5 oder 6 Jahre, dann starb sie wieder ab. Die Zooxantellen hielten den Stress nicht aus, sei es, weil das Wasser immer noch zu warm gewesen ist, sei es, dass es zu schmutzig war, jedenfalls verhungerte die Koralle ohne die Nahrung, die sie von ihren symbiotischen Algen erhielt.

An der Insel Embudu gab es 2001 und 2003 fast keine lebenden Korallen mehr. Auch 2008 waren Korallen zumindest auf dem Riffdach nicht mehr nachgewachsen.

2008: Internationales Jahr der Riffe

Wäre es nicht so traurig, könnte man lustig ausrufen: Die Rettung naht! Und das schon zum zweiten Male. 1997, gerade als die Riffe starben, hatte die "Internationale Korallenriffinitiative ICRI" schon mal die Riffe retten wollen.

Besser wäre es Rettungsversuche zu unterlassen. Von Ursachen beseitigen redet ja keiner. Erinnern Sie sich? Künstliche Riffe, hieß es damals, künstliche Riffe sind DIE Lösung. Zu Millionen wurden alte Autoreifen ins Meer gekippt. Da waren welche billig ihren Müll losgeworden! Heute ist gerade diese Maßnahme eine der größten Umweltkatastrophen.

Da könnte man auch das Jahr des abgeholzten Regenwaldes ausrufen. Das wäre genau so wirkungslos und blöde wie das "Magazin des Bundesumweltministerium zum Internationalen Jahr des Riffes" mit dem noch blöderen Titel: RIFFE - REGENWÄLDER DER MEERE (März 2008, 1. Auflage: 400.000 Exemplare).

Auf dem Titelblatt mit knallroten Weichkorallen (eine glatte Verarschung - ohne künstliches Licht sehen Riffe eher blaugrau aus!) wird der Artikel "Worauf Touristen achten sollten - Schnorchelnd in den Blumengärten" angekündigt.

Hier unten das passende Bild vom "Blumengarten" an der Insel Embudu vom 24. Januar 2008 um 9:34 Uhr. Was wollen die da retten? Doch nur die UN-Naturschutzkonferenz in Bonn 2008. Hurra, wir tun was! Wirklich, da können die Riffe jetzt aber aufatmen...

Herr Minister Gabriel! So sieht ihr Blumengarten wirklich aus: Embudu 2008

Korallen und ihre Bedeutung für die Inseln

Logisch: lebt man auf einer Koralleninsel sind Korallen ein unverzichtbarer Bestandteil. Nicht der (vielleicht) steigende Wasserspiegel bedroht die Malediven, sondern fehlender Schutz durch die Korallenriffe und fehlender Sand.

Es gibt praktisch keine Insel mehr ohne Mauern aus Beton, Korallenbruchstücken oder Sandsäcken drum herum. Und warum? Weil die Korallen fehlen.

Korallen haben die Inseln aufgebaut. Mit steigendem Meeresspiegel sind sie ebenfalls gewachsen, haben die Inseln erhalten oder entstehen lassen. Und haben sie geschützt. Jahrmillionen waren die Korallen die idealen Wellenbrecher. In ihren nicht zählbaren Verästelungen, Durchlässen und in der Staffelung auf dem Riffdach nahmen sie auch der stärksten Welle die Kraft und schützten die Ufer, den Sand dort.

Sandabtragungen am Beispiel der Insel Embudu

Die fortschreitenden Sandabtragungen der Inseln verdeutlichen die nachfolgenden Bilder aus den Jahren 2001, 2003 und 2008.

Konnte man 2001 und 2003 noch gut neben dem Steg ins Wasser gehen, um unter dem Steg hindurch ins Tiefe zu gelangen, war es 2008 nicht mehr möglich.

Der Streifen links im Bild von 2001 unterhalb der Mitte ins übrigens gesinterter Sand. Steine gibt es ja auf den Malediven nicht.

Embudu 2001

Embudu 2003

Hier sind die unmittelbaren Folgen des Korallensterbens zu sehen. Die kurzen, harten Wellen rauschen ungebremst ans Ufer, zertrümmern alles, spülen den Sand weg.

In der Winterzeit baut sich, wenn der Nordostmonsun mal tagelang stark weht, verstärkt durch Strömungen, Mond- und Gezeitenphasen, eine raue See auf, gegen die kein Beton-, Korallen- oder Sandsackwall eine Chance hat. Die Korallen mit ihren unzähligen Durchlässen und Verästelungen lösten das Jahrhunderttausende lang mühelos. Sie brachen schon mal ab und wuchsen ja wieder nach, sie zerbröselten oder wurden von Papageifischen zerkaut und lieferten neuen Sand für das diffizile Gleichgewicht der flachen Inseln. Vorbei. Es gibt keine Korallen mehr auf dem Riffdach.

Sand läßt sich nicht festhalten. Die See verlagert zum Beispiel die Sandbänke an den Inseln ständig. Wer mehrmals auf der gleichen Insel Urlaub gemacht hat, weiß das. Aber immer geht Sand verloren, verschwindet in der Tief. Der Nachschub fehlt nun. Man nimmt an, dass ein Drittel des Sandes durch die Mägen der korallenfressen Arten der Papageifische kam. Schnecken- und Muschelgehäuse gibt es auch immer weniger.

Na, sie wissen doch: Muschelkalk - oder Kuschelmalg, wie Ringelnatz zu sagen pflegte...

Embudu 2008

Embudu 2008

Embudu 2008

Embudu 2003

Embudu 2008

Die beiden Bilder zeigen die Erosion am Ufer vor den Häusern mit den Hausnummern um 70. Das untere Bild ist aus dem Wasser heraus aufgenommen. Die Insel wird immer kleiner. Da ist wohl die nächste künstliche Uferbefestigung nötig.

Kleines Wrack vor Kuramathi: Beobachtung von 1982 bis 1999

Im ersten Urlaub auf den Malediven 1982 auf Kuramathi erregte eine aus dem Wasser ragende Stange in der Lagune vor dem alten Restaurant die Aufmerksamkeit. 200 oder 300m halb rechts vom Restaurant war Ende der Siebziger Jahre ein kleiner Eisenkahn auf das Riff gelaufen und war gesunken.

Nun haben Wracks auf jeden eine Anziehung. Fische, Langusten, Schildkröten, ja sogar einmal ein junger Weißspitzen-Riffhai suchte dort Schutz oder Nahrung; Schnorchler zog es magisch an. Jedes mal in den folgenden Urlauben wurde es vom Autor aufgesucht und die Veränderungen aufmerksam registriert. Leider stand erst ab 1986 die Nikonos V zur Verfügung.

Die Bilderfolge von immer der gleichen Stelle über viele Jahre zeigt deutlich den Rückgang der Korallen auch schon lange vor dem El Niño von 1998.

1986

Das Metall des Wracks ist noch scharfkantig, aber die feineren Teile sind in den letzten 4 Jahren merklich weniger geworden. Die Acroporakorallen in der Mitte müssten jetzt ein Alter von 8 bis 10 Jahren haben. Gut war das Wachstum der Korallen zu beobachten. Auf dem Riff in der Lagune sind die Korallen noch weitgehend in Ordnung und der Fischreichtum ist enorm.

Das Wrack war noch leicht zu finden, weil noch eine Eisenstange aus dem Wasser herausragte.

1987

Ein Jahr später waren die Kleinteile fast schon verrottet und die Korallen hatten deutlich abgenommen, waren weniger geworden. Bis zum weltweiten Korallensterben durch den starken El Niño 1998 waren es da noch 10 Jahre hin. Erste Anzeichen für schlechtere Wasserqualität waren an immer mehr abgestorbenen Korallen zu erkennen.

1988

In dem auf dem Bild von 1987 zu sehenden (Fisch- oder Motor-?)Kasten am Heck hatten sich Fadenalgen gebildet, ein Zeichen für die schlechtere Wasserqualität in der Lagune. Kunststück: Gab es 1982 auf der Insel ca. 40 Häuser, waren es jetzt mehrere Hundert.

Zwar wird das Abwasser nicht direkt in die Lagune geleitet, aber die starke Strömung bei Gezeitenwechsel im Kanal zwischen Rasdoo und Kuramathi brachte Abwasser und vielleicht auch das erwärmte Kühlwasser der immer größer werdenden Stromversorgungsanlagen zurück in die Lagune. Meerwasserentsalzung ist verdammt energieaufwendig.

Der Korallengarten an der Spitze im Kanal zwischen Rasdoo und Kuramathi war abgestorben, obwohl bei den Wechseln der Gezeiten die Strömung immer noch mit der Kraft eines Gebirgsbaches hinwegfegte, auch das Außenriff sah schlimm aus.

Es gab immer weniger Korallen und wir beschlossen, auf anderen Inseln den Kopf unter Wasser zu stecken. "Und das war auch gut so...", würde heute der Bürgermeister von Berlin sagen. Wir konnten noch 10 Jahre den Anblick von herrlichen Korallenriffen geniessen. Hier war endgültig das Ende des Riffes abzusehen. Es taugte noch dazu, um hier Wasserbungalows zu bauen (siehe nächste Seite).

1994

Aber Kuramathi hatte es einem ja angetan und wie Triebtäter zog es einen zum Tatort zurück. Die Hoffnung wurde arg enttäuscht. Nichts hatte sich am Riff erholt. Links im Bild ist die abgestorbene Acroporakoralle zu sehen, die auf dem Bild von 1986 oben noch lebte. Das Wrack verkalkte und zerfiel logischer Weise immer mehr.

1998

Noch einmal Kuramathi mit "Captain's Dinner" und so. Längst gab es den Swimmingpool. Man kann doch Touristen den Anblick eines Unterwasserfriedhofs nicht zumuten! Und die Touristen nahmen den Pool an! Muss man dafür um die halbe Welt fliegen?

Die Insel war aufgepeppt mit vielen bunten Blumen (und schlimmen Folgen!). Dafür gab es nicht eine einzige lebende Koralle mehr. Nur die viele Mantas zogen wie immer mit weit geöffneten Maul am Außenriff entlang.

1999

Schon wieder hier um nachzuschauen. Nun gab es nichts mehr von der einstigen Pracht tropischer Unterwasserparadise. Die warme Strömung ausgelöst vom El Niño 1998 hat nun endgültig alles kalkige Leben ausgelöscht. Das Meer hat das Wrack, wie es sich gehört, schon fast ganz "aufgefressen".

Manche Steinkorallen wachsen ja 1 (einen) vollen Millimeter im Jahr. Da wird es in einigen Jahren hier bestimmt wieder schön aussehen, so ungefähr in 300.000 Jahren...